Es brodelt in der Erwachsenenbildung

von Anne Röwer,
veröffentlicht am 8. September 2021
8. September 2021 |
von Anne Röwer |

Eine erste Initiative erobert den FREIraum im HDS


Wir konnten es kaum erwarten: Die Türen des HDS stehen endlich nicht mehr nur digital, sondern auch analog offen, seit es das Corona-Infektionsgeschehen zulässt. Die Initiative Lehrkräfte gegen Prekarität (LKgP) nutzt als erste unser FREIraum-Angebot und macht das Haus der Selbstständigen damit zu dem, was es sein soll: ein Raum der Solidarität und Vernetzung.

Die Lehre ist frei – und bedroht

Die LKgP haben sich für ihr Organisierungstreffen im HDS FREIraum zusammengefunden, in dem wir diesmal gemeinsam einen genaueren Blick auf die Einrichtungen und Beschäftigungsformen in der Erwachsenen- und Weiterbildung in Sachsen und Deutschland geworfen haben. Denn bundesweit sind von den 1.35 Millionen Beschäftigten in der Erwachsenenbildung knapp 70 Prozent, also 770.000 Menschen als freie Lehrkräfte, hingegen nur 14 Prozent in Festanstellung tätig.[1] Die Erwerbs- und damit auch die Lebenssituation (nicht nur) der Honorarlehrkräfte ist alles andere als gut.

“Die chronische Unterfinanzierung der Erwachsenenbildung übersetzt sich in prekäre Arbeitsverhältnisse, schlechte Arbeitsbedingungen und häufig nicht existenzsichernde Einkommen.”

Karl Kirsch, LKgP

Werden die Vor- und Nachbereitungszeit zur Unterrichtseinheit hinzugerechnet, ergibt sich für die Honorarlehrkräfte nicht selten ein Stundensatz unter dem Mindestlohn. Doch Mindesthonorare gibt es nicht. Hinzu kommt immer die Abhängigkeit vom nächsten Auftrag – Kontinuität ist nicht leicht herzustellen, lässt sich aber auftraggeberseitig leicht beenden. Das haben viele freie Lehrkräfte nicht erst mit der Corona-Krise erfahren müssen. Dass mit einer solchen Erwerbssituation schlechte Planbarkeit, Unsicherheit und Sorge um die Zukunft verbunden sind, liegt auf der Hand. Es ist erstaunlich, dass die Bildner*innen ihre Arbeit trotzdem so lieben und mit viel Engagement gute Lehre unter schlechten Bedingungen leisten.

Stärke durch solidarisches Handeln

Doch die Lehrkräfte gegen Prekarität ergeben sich diesen Bedingungen nicht, sondern wollen sie mit ihrer Initiative zum Besseren verändern. Dabei sind übrigens alle Mitstreiter*innen herzlich willkommen. Die Treffen sind offen für Interessierte, die die Initiative kennenlernen und sich einbringen wollen.

“Klar ist, ohne gemeinsames Handeln ändert sich nichts – nur gemeinsam sind wir stark.”

Alexandra Byner, LKgP

Klar ist aber auch: Da sind dicke Bretter zu bohren. Und daher heißt gemeinsames Handeln auch Solidarität zwischen Solo-Selbstständigen und abhängig Beschäftigten.

“Angestellte und Solos sollten sich nicht gegeneinander ausspielen lassen. Dadurch wird es leicht, schlechte Arbeitsbedingungen durchzusetzen.”

Franziska Keiditsch, LKgP

So engagieren sich bei der LKgP sowohl freie als auch angestellte Lehrkräfte der Erwachsen- und Weiterbildung. Solidarität zeigt sich aber auch dort, wo sich Festangestellte, etwa über etablierte Mitbestimmungsstrukturen, für die solo-selbständigen Kolleg*innen stark machen (auch wenn es eigentlich nicht Teil ihrer job description ist). Oder sie lebt im gemeinsamen Arbeitskampf, wie ihn zum Beispiel die festangestellten und freien Bildner*innen des Anne Frank Zentrums in Berlin geführt haben.

Von- und miteinander lernen und kämpfen

Gerade weil sich die prekäre Lage von Lehrkräften nicht auf Sachsen beschränkt, sind Erfahrungsaustausch und Vernetzung unbezahlbar. Denn nicht nur in Leipzig oder Berlin setzen sich Bildner*innen gemeinsam für bessere Arbeitsbedingungen, angemessene Vergütung und soziale Absicherung ein, sondern auch andernorts. Das heißt aber ebenso, dass es überall brodelt und politisiert wird, dass gute Lehre auch gute Arbeit(sbedingungen) braucht, und: dass Aktive voneinander lernen und miteinander kämpfen können. Das HDS will den dringend benötigten, gemeinsamen Raum geben, an dem es Solo-Selbstständigen in ihrem Erwerbsalltag so häufig fehlt: Hier sind – physisch, hybrid und virtuell – Begegnung, Lernen und Austausch möglich. Dabei ist klar, wir stellen den Raum – Ihr gestaltet ihn.

Immer wieder beeindruckt

Wie immer in unserer Arbeit mit selbstorganisierten Initiativen und Netzwerken von Solo-Selbstständigen, gehen wir ziemlich beeindruckt aus dem Raum: von dem Wissensfundus und Erfahrungsschatz, aber vor allem von dem Mut, dem Engagement und Willen, die sich aus der Empörung über die Erwerbsbedingungen speisen.

Wir waren uns alle einig: Es war ein wunderbarer Abend im FREIraum und wir freuen uns auf das nächste Mal. Macht auch Ihr das HDS zu Eurem Haus!

Seid Ihr in der EB/WB in Sachsen tätig und wollt etwas verändern? Dann macht mit! Kontaktiert die Lehrkräfte gegen Prekarität!


Weiterführende Links

Mehr Infos zu den Lehrkräften gegen Prekarität findet Ihr auf unserem INITIATIVENKOMPASS und natürlich auf der Facebook-Seite der LKgP: https://www.facebook.com/LehrkraeftegegenPrekaritaet/

Weitere Beiträge zum Feld der Erwachsenen- und Weiterbildung findet Ihr auch auf unserem Blog: https://hausderselbststaendigen.info/mutmacher-oder-warum-ich-gerne-kursleiterinnen-an-volkshochschulen-beforsche/ und https://hausderselbststaendigen.info/solidaritaet-ist-zukunft/

Die Studie von Andreas Martin u.a. (2016) Das Personal in der Weiterbildung: Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen, Qualifikationen, Einstellungen zu Arbeit und Beruf ist online verfügbar und hier zu finden: https://www.wbv.de/openaccess/themenbereiche/erwachsenenbildung/shop/detail/name/_/0/1/85—0015w/facet/85—0015w///////nb/0/category/1144.html

Macht das HDS zu Eurem Haus und nutzt auch Ihr unser FREIraum Angebot https://hausderselbststaendigen.info/freiraum-fuer-eure-ideen/


[1] Weitere 12% sind ehrenamtlich tätig und 2% sind verbeamtet (vgl. Martin et al. 2016)

Bild: ©Haus der Selbstständigen 2021

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