Genossenschaften: Solidarisch arbeiten und wirtschaften

von Dr. Anne Röwer |
12. April 2021 |

Rückblick auf das digitale Forum #2 “Genossenschaften damals und heute:
Geschichte und Aktualität von (Produktiv-)Genossenschaften” vom 31.03.2021


Im 19. Jahrhundert war es die im Zuge der fortschreitenden Industrialisierung entstehende soziale Frage, die wachsende wirtschaftliche und soziale Not der Arbeiter*innen und Gewerbetreibenden, die in Deutschland den Denkanstoß für die Genossenschaftsidee gab. Die Idee scheint mittlerweile aus der Mode gekommen, die Genossenschaft – jedenfalls als solidarische Organisationsform gemeinsamen Arbeitens und Wirtschaftens – ein Nischenphänomen zu sein. Eine Renaissance des genossenschaftlichen Gedankens zeigt sich vor dem Hintergrund knappen Wohnraums und steigender Mieten jedoch in Form von Wohnungsbaugenossenschaften. Mit Blick auf die genossenschaftlichen Kernprinzipien drängt sich jedoch der Gedanke auf, dass Genossenschaften heute ebenso wie damals auch eine ungemein gute Möglichkeit darstellen, den strukturellen Problemen des Erwerbs- und Sozialversicherungssystems kollektiv zu begegnen.

Gerade in Anbetracht der Probleme, mit denen Solo-Selbstständige ohnehin häufig und während der Pandemie verstärkt konfrontiert sind, haben wir im digitalen Forum #2 die Geschichte und Aktualität von (Produktiv-)Genossenschaften in den Blick genommen. Denn in dieser Nische scheinen sich sichere Arbeitsplätze, gute Arbeitsbedingungen und faire Einkommen zu verstecken. Da gehört definitiv mehr Licht ins Dunkel!

„Was den Einzelnen nicht möglich ist, das vermögen viele.”

Friedrich Wilhelm Raiffeisen

Die Kernprinzipien von Genossenschaften

  • Identitätsprinzip: Die Mitglieder der Genossenschaft sind zugleich die Träger*innen und Nutzer*innen ihrer Leistungen.
  • Förderprinzip: Der Zweck der Genossenschaft ist die Förderung der Mitglieder.
  • Demokratieprinzip: Jedes Mitglied hat eine Stimme (pro Kopf, nicht pro Kapitalanteil) und bestimmt darüber in der Genossenschaft mit.

Geburt und Erbe der Idee

Dr. Thomas Keiderling, leitender Kurator des Genossenschaftsmuseums im Hermann Schulze-Delitzsch Haus und der deutschen Hermann-Schulze-Delitzsch-Gesellschaft e. V., führte uns in das Wirken dieses für das Genossenschaftswesen prägenden Akteurs ein: Neben der Gründung der ersten zwei handwerklichen (Einkaufs-)Genossenschaften in Deutschland, brachte Schulze-Delitzsch mit dem Delitzscher Vorschussverein die späteren Volksbanken auf den Weg und wirkte entscheidend am ersten Genossenschaftsgesetz mit. Das Museum ist jedoch nicht nur ein Ort der Geschichte, sondern auch der Begegnung, Forschungsvermittlung und der Öffentlichkeitsarbeit für den Genossenschaftsgedanken. So ist es dem gemeinsamen Einsatz der Herrmann Schulze-Delitzsch- und der Raiffeisen-Gesellschaft zu verdanken, dass die Genossenschaftsidee heute zum immateriellen UNESCO Kulturerbe der Menschheit zählt.

HdS Dr. Keiderling digitales Forum #2

Der Mensch im Mittelpunkt

Dr. Clemens Schimmele, Genossenschaftsforscher und -gründer sowie Gewerkschafter, brachte mit seinem systematischen Blick auf die Vielfalt von Genossenschaftsarten und besonderem Augenmerk auf den Typ der Produktivgenossenschaft mehr Klarheit in die vielen Möglichkeiten, sich genossenschaftlich zu organisieren. Anschaulich erklärte er sowohl die Gemeinsamkeit in den Kernprinzipien als auch die Unterschiede nach Träger*innen und Gegenständen des genossenschaftlichen Betriebs. Im Falle der Produktivgenossenschaften (PG) sind die Träger*innen die Mitarbeiter*innen, der Gegenstand ist der Absatz von Arbeitskraft (im Vergleich zu Wohnungsbaugenossenschaften, deren Träger*innen die Mieter*innen sind und der Gegenstand der Bezug von Wohnraum ist). Die PG kauft die Arbeitskraft der Mitarbeiter*innen ein, verwendet sie zur Produktion von Gütern und Leistungen und verwertet diese auf dem Markt. Klingt nach typischem kapitalistischem Betrieb? Gerade nicht! Denn entscheidend ist hier: Der Verkauf der Produkte auf dem Markt ist nicht der Zweck, sondern Mittel zum Zweck der Genossenschaft, der in der Förderung der Mitglieder besteht. Der Mensch steht im Mittelpunkt.

Dr. Schimmele digitales Forum #2

Ganz konkret: Stabilität und Sicherheit

Einen konkreten Einblick in die genossenschaftliche Praxis haben uns schließlich Magdalena Ziomek, Mitbegründerin, Geschäftsführerin und Vorstand sowie Falk Hermenau, aktiver Genosse der SMartDe eG gegeben. Die in Belgien gegründete Genossenschaft, ist mittlerweile in neun europäischen Ländern vertreten und zählt über 100.000 Mitglieder. Der deutsche Ableger war ursprünglich eine Genossenschaft für Kunst- und Kulturschaffende, mittlerweile erstreckt sich das Tätigkeitsfeld der Genoss*innen jedoch über Projekte und Dienstleistungen aus ganz unterschiedlichen Branchen und Berufen. Das smarte Modell: die Mitglieder sind Miteigentümer*innen und Mitarbeiter*innen der Genossenschaft. Die zentralen Vorteile des Anstellungsverhältnisses liegen auf der Hand: ein kontinuierlich stabiles Einkommen und Zugang zur gesetzlichen Kranken-, Pflege-, Renten-, Arbeitslosen- und Unfallversicherung. Im Zuge der Pandemie konnte für die betroffenen Genoss*innen sogar Kurzarbeitergeld beantragt und gezahlt werden.

HdS Magdalena Ziomek digitales Forum #2

Herausforderungen und Handlungsbedarfe

Wie schon bei unserem digitalen Forum #1 der Reihe Genossenschaften: Selbstbestimmt im Kollektiv, konnten wir auch dieses Mal wieder viele Menschen für das Thema Genossenschaften interessieren. Besonders gefreut hat uns die rege Beteiligung und Mitwirkung der etwa 40 Teilnehmenden im Chat. Hier wurden im Verlauf des gesamten Forums nicht nur interessante Fragen gestellt, sondern auch – ganz im Sinne des genossenschaftlichen Leitgedankens der Selbsthilfe, der gegenseitigen Unterstützung und Hilfe – beantwortet. Vielen Dank dafür an alle Teilnehmenden des Forums!

In der lebendigen Diskussion wurden wichtige Themen angesprochen – seien es die mangelnde Erwähnung der genossenschaftlichen Rechtsform in Gründungsberatungen, die Komplexität und auch Kosten der Prüfungsverfahren sowie verschiedene Fragen der Haftung und der Höhe der Einkommen. Aber auch Förderbedingungen für Genossenschaften sowie das Verhältnis von Genossenschaften und Gewerkschaften wurden diskutiert. Diese Bandbreite an Themen zeigt durchaus Herausforderungen für die genossenschaftliche Praxis, aber auch Aufklärungs- und (politischen) Handlungsbedarf.

Wer sich für die Gründung einer Genossenschaft interessiert, sollte sich zunächst selbst gründlich informieren und sich dann Unterstützung durch einen Verband suchen, denn die Prüfungsverbände, so machte Dr. Clemens Schimmele deutlich, prüfen nicht nur, sie beraten auch.

Die Fragen, die man sich in der Gründungsprüfung stellt, muss man sich bei jedem anderen Unternehmen auch stellen. Das mag bei der Genossenschaft bürokratischer wirken, ich würde eher sagen, dass das eine Unterstützungsfunktion ist.

Dr. Clemens Schimmele

Raus aus der Nische

Das gegenwärtige Nischendasein der (Produktiv-)Genossenschaften erklärt sich auch, so unser Eindruck, aus mangelndem Wissen sowie damit verbundenen Vorurteilen und Ängsten, die von einer Gründung in diese Rechtsform abzuschrecken scheinen. Wir hoffen mit dem Forum, der geballten Expertise und den vielfältigen Erfahrungswerten unserer Referent*innen und Teilnehmenden diesem Schreck etwas entgegengewirkt zu haben. Denn, wie schon im ersten Forum, war auch der Konsens dieser Veranstaltung: Es lohnt sich! Klar ist: Die Genossenschaft ist nicht nur urdemokratisch, sie gilt auch als insolvenzsicherste Rechtsform. Das sollte Mut machen, sich gemeinsam sichere Arbeitsplätze, gute Arbeitsbedingungen und faire Einkommen zu gestalten. Dabei unterstützen wir vom HdS übrigens gern!


Weiterführende Links

Beratung:

Zentralverband deutscher Konsumgenossenschaften: https://www.zdk-hamburg.de/

Genossenschaftsverband – Verband der Regionen: https://www.genossenschaftsverband.de/verband/ansprechpartner/

Informationen rund um Genossenschaften: Bundesverein zur Förderung des Genossenschaftsgedankens e.V. https://genossenschaftsgedanke.de/

Weiterführende Informationen zur SMartDe eG in den Infosessions (Anmeldung unten auf der Seite): https://smart-eg.de/en/

Weiterführende Informationen zum SMartDe eG Bildungswerk: https://www.bildungswerk-smart.de/en#start

Zum Thema Genossenschaften und Gewerkschaften: https://denk-doch-mal.de/wp/walter-vogt-alte-spannungen-aktuelle-herausforderungen-neue-handlungsfelder/

Veranstaltungshinweise

„Genossenschaftliche Lösungen für neue Arbeitsformen im digitalen Zeitalter“, Onlineveranstaltung des Bundesvereins zur Förderung des Genossenschaftsgedankens e.V.: Mittwoch, 21.04.2021 16.00 Uhr – ca. 17.30 Uhr: https://genossenschaftsgedanke.de/online-veranstaltung-genossenschaftliche-loesungen-fuer-neue-arbeitsformen-im-digitalen-zeitalter/

„Genossenschaftsidee leben!“, gemeinsame Tagungsreihe der Raiffeisen-Gesellschaft und Schulze-Delitzsch-Gesellschaft: Freitag, 30. April 2021, 10.00 Uhr – 14.00 Uhr: https://genossenschaftsmuseum.de/events/geneinsame-tagung-der-schulze-delitzsch-gesellschaft-und-raiffeisen-gesellschaft/